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Hochwasserschutz und Förderung flussmorphologischer Struktur am Beispiel der Sulm

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Hochwasserschutz und Förderung flussmorphologischer Struktur
am Beispiel der Sulm

1. Ausgangssituation und Problemdarstellung
Die Sulm mit einer Lauflänge von ca. 50 km entwässert die gesamte südliche Weststeiermark mit einem Einzugsgebiet von rd. 1.100 km2 und mündet südlich von Leibnitz als rech-ter Zubringer in die Mur. Bei der Mündung beträgt das HQ100 530 m3/s, das HQ30 330 m3/s, das HQ1 95 m3/s und das Mittelwasser MQ 8,85 m3/s.
Mitte der 60-er Jahre wurde die Sulm im Bereich der Ortschaft Heimschuh auf ein HQ25 reguliert, welches zur damaligen Zeit einer Wassermenge von 173 m3/s entsprochen hat. In der Zwischenzeit wurde die Abfuhrfähigkeit der Profile in den regulierten Abschnitten durch Bewuchs und Anlandungen bis zu 30 % reduziert. Durch Regulierungsmaßnahmen im Oberlauf der Sulm, durch Ausschaltung von natürlichen Retentionsräumen und durch fortschreitende Versiegelung der Landschaft im Einzugsgebiet haben sich die hydrologischen Rahmenbedingungen einschneidend verändert. Heute entspricht die Bemessungswasser-menge von 173 m3/s nur mehr etwa einem HQ5. Dadurch hat sich die Hochwassersituation im Unterlauf der Sulm grundlegend geändert. Bereits bei Abflüssen zwischen HQ5 und HQ10 sind Siedlungsräume von Hochwässern bedroht.


Wurzelstockbuhne zur Stromungsablenkung und Ufersicherung

2. Problemlösung
Die Erzielung eines entsprechenden Hochwasserschutzes für die Siedlungsgebiete wäre durch Herstellung des ursprünglichen Regulierungsprofiles, Entfernung des gesamten Bewuchses und durch ergänzende Maßnahmen (Dämme und Ufermauern) im Ortsbereich von Heimschuh möglich gewesen. Um den vorhandenen gut ausgebildeten Uferwuchs zumindest einseitig zu erhalten, wurde im Hochwasserschutzprojekt die Variante einer Flussaufweitung mit einer Breite von ca. 5-7 m flussabwärts des Siedlungsgebietes auf eine Länge von ca. 3,5 km gewählt. Die dadurch eintretende Absenkung des Wasserspiegels gewährleistet für den Ortsbereich einen ausreichenden Hochwasserschutz.

3. Zielsetzungen
- HQ100-Schutz für die Siedlungsbereiche
- Erhöhung des Freiheitsgrades des Fließgewässers
- Verlängerung der Flussuferlinie
- Verzicht auf durchgehende Uferstabilisierung
- Erzielung eines vielfältigen Strömungsmosaiks mit der Möglichkeit zur Ausbildung von
Brücken und Furten
- Schaffung von Uferrandstreifen als Pufferzonen und Ausgangspunkt für lineare
Verbundsysteme im Talboden
- Verbesserung der Tiefenvariante der Gewässersohle durch temporäre Initialstrukturen
- Förderung der selbständigen Entwicklung (Minimierung der Instandhaltungsarbeiten)

4. Vorgangsweise und Maßnahmen
Die Aufweitungsbereiche wurden so ausgewählt, dass sie an jenen Uferabschnitten durchgeführt werden, wo der Bewuchs lückenhaft bzw. nicht standorttypisch ist. Da es sich im Projektsbereich um einen Niederungsflusshandelt in welchem Totholz und Kiesbänke typische strukturbildende Elemente sind, wird besonders darauf geachtet, derartige Strukturen einzusetzen bzw. zu initiieren. Ebenso sind in das Gewässer einbrechende Bäume typische Strukturelemente. Daher wird versucht, das einförmige Strömungsmuster, die monotone Gewässersohle und gleichzeitig die Struktur im Böschungsbereich durch den Einbau von soge-nannten Rauhbaumbuhnen, die maximal bis Mittelwasser strömungslenkend wirken, ökologisch aufzuwerten. Solche Einbauten sind nicht als dauerhafte Bauwerke konzipiert, sondern sie erfüllen als temporäre Strukturbildner eine hervorragende Funktion als Kolkinitiatoren und Habitatformer.


Baumbuhne als temporärer Strukturbildner (Schwarzpappel)

Weiters werden vor Ort gewonnene Weidenäste als strukturierende Elemente im Bereich der Wasseranschlagslinie in die Böschung eingebracht. Diese dienen als Ausgangspunkt der ufernahen Pioniervegetation. Diese Aufgabe wird auch von ganzen Weidenbäumen erfüllt, welche mit ausschlagsfähigen Weidenpiloten gesichert, zusätzlich in die Böschung eingebaut werden. Als weitere strukturbildende Elemente - insbesondere in den Bereichen wo Uferstabilisierungen bzw. Böschungssicherungen erforderlich sind - werden Wurzelstöcke (gesichert mit Holzpiloten) in Kombination mit Bruchsteinen, Kurzbuhnen aus Astwerk, Wurzelstöcken und Holzpilo-ten sowie Spreitlagen eingebaut.
Im Zuge der Umsetzung der Baumaßnahmen war es möglich, zusätzliche Grundflächen im Ausmaß von ca. 4 ha zu erwerben. Somit kann dem Grundsatz zur Verbesserung der ökologischen Funktionsfähigkeit der Fließgewässer im Zuge von schutzwasserbaulichen Maßnahmen wesentlich besser als ursprünglich vorgesehen entsprochen werden. Durch Form und Lage eines erworbenen Grundstückes ist es möglich, wiederum einen ehemaligen Mäander teilweise herzustellen. Dieser neu gebildete Mäanderabschnitt wird von einer Wassermenge von mindestens 100 m3/s durchflossen. Dadurch werden im neuen Mäanderabschnitt wieder Kolk-Furtsequenzen gefördert, die Verlandungstendenzen des verbliebenen Altarmes verhindern und damit auch dem Gewässertyp eines mäandrierenden Flusses entsprechen. Im Hochwasserfall wird der ehemals gestreckte Regulierungsabschnitt als Entlastung genutzt. Somit ist es möglich, in der neu errichtenden Mäanderstrecke auf Sicherungsmaßnahmen weitestgehend zu verzichten und die Gewässerdynamik in diesem Abschnitt zu fördern. Zusätzlich sind in diesem Bereich auch noch entsprechende Uferrandstreifen als Pufferzonen vorhanden. Um eine fachgerechte Umsetzung der ökologisch orientierten Maßnahmen sicherzustellen, wurde ein ökologische Bauaufsicht installiert.

Vom gesamten Projektsbereich wurden bisher rd. 2 km fertiggestellt. Mit den Bauarbeiten wurde im September 1998 begonnen, die Fertigstellung ist für Mitte 2000 geplant.
Ende Mai dieses Jahres waren die bisher fertiggestellten Bauabschnitte und Bautypen bereits den ersten Hochwässern ausgesetzt. Bei bordvollem Abfluss (ca. HQ5 bis HQ10) zeigten sich die hier vorgestellten Bauformen nicht nur als stabil, sondern auch als hervorragend geeignet, monotone Verhältnisse in den Strukturen von Fließgewässern zu verbessern.

In der Zeit vom 19. bis 21. Mai 1999 fand auf der Baustelle Sulm, Heimschuh der 3. Ingenieurbiologische Baukurs des ÖIV in der Steiermark statt. Die gewonnenen Erfahrungen konnten den Teilnehmern am Baukurs eindrucksvoll vermittelt und in der praktischen Umsetzung näher gebracht werden.


Wurzelbuhne (Bauzustand) als Bautyp des ingenieurbiologischen Baukurses des ÖIV an der Sulm

5. Schlussbemerkung
Im Sinne des Maßnahmenkataloges für den naturnahen Wasserbau in der Steiermark werden beim vorgestellten Projekt die Ziele des Hochwasserschutzes mit den Zielen zur Verbesserung der ökologischen Funktionsfähigkeit der Fließgewässer gleichgestellt. Die dabei verwendeten Bauformen und Maßnahmen wurden nicht bis ins letzte Detail geplant, denn bei der Setzung von Initialmaßnahmen ist man in erster Linie auf die Erfordernisse des Flusstyps und auf die Erfahrungen der vor Ort Tätigen angewiesen. Um den fischereiökologischen Anforderungen gerecht zu werden, wird das Projekt von der Universität für Bodenkultur begleitet. Grundsätzlich ist bei derartigen Maßnahmen davon auszugehen, dass keinesfalls "hübsche Biotope", die kaum die Ferigstellungsfeier überdauern, hergestellt werden. Es geht vielmehr darum, den Einsatz standortgerechter Baustoffe, welche einen entsprechenden Habitatreichtum initiieren und entwickeln, zu forcieren. Damit wird gleichzeitig auch die dynamische Komponente des Fließgewässers gefördert. Die bisher festgestellten Entwicklungstendenzen und die Erfahrung mit bereits abgelaufenen Hochwasserereignissen haben dies bestätigt.


Hochwasserereignis vom 21.5.1999 an der Sulm - Entlastungsgerinne

Ein Beitrag von
Dipl.-Ing. Rudolf Hornich und Dr. Norbert Baumann
Amt der Steiermärkischen Landesregierung
Fachabteilung 3a Wasserwirtschaft
Stempfergasse 7
8010 Graz